Zu viel UX oder zu wenig? Warum die Frage am Kern vorbeigeht

Marco Fernandez im Portrait
Von Marco
Illustration einer geöffneten Schublade gefüllt mit UX-Dokumenten wie Personas, Wireframes und Journey Maps

UX-Investitionen stehen in vielen B2B-Organisationen derzeit auf dem Prüfstand. Während die einen befürchten, in kostspielige „UX-Theaterstücke" abzurutschen, fragen andere, ob nicht doch zu wenig in Nutzungsqualität investiert wird. Beide Fragen sind verständlich – aber sie lenken vom Wesentlichen ab. Entscheidend ist nicht die Menge an UX-Aktivitäten, sondern welchen messbaren Geschäftswert sie stiften.

Wenn UX zum Selbstzweck wird

Agile Teams können sich in der Dokumentation verlieren: In einer Studie zu UX-Praktiken in Software-Start-ups (Guerino et al., XP 2021) zeigten sich erhebliche Lücken zwischen erstellten UX-Artefakten und deren tatsächlicher Nutzung im Entwicklungsprozess. Personas, die niemand aktualisiert. User Journeys, die in Schubladen verschwinden. Research-Phasen, die nicht in konkrete Design-Entscheidungen münden.

Das Problem ist nicht die Methode selbst, sondern fehlende VerknĂĽpfung zu Geschäftszielen. UX-Deliverables ohne klaren Verwendungszweck binden Ressourcen, ohne Wert zu schaffen. Die ISO 9241-11:2018 definiert Usability als Effektivität, Effizienz und Zufriedenheit in einem spezifischen Nutzungskontext – nicht als Anzahl produzierter Dokumente.

Symptome:

  • Personas, die bei der nächsten Design-Entscheidung ignoriert werden
  • Endlose Research-Phasen ohne Umsetzungsdruck
  • UX-Workshops, deren Ergebnisse nicht in den Backlog einflieĂźen

Wenn BauchgefĂĽhl Nutzerdaten ersetzt

Das Gegenteil ist ebenso riskant: Websites, die nach interner Logik strukturiert sind. Redesigns ohne Usability-Tests. Navigationssysteme, die nur fĂĽr Insider Sinn ergeben.

Die Kosten sind messbar – und die RĂĽckflĂĽsse auch. In der UX-Branche kursiert seit Jahren die Zahl, dass jeder investierte Dollar bis zu 100 USD zurĂĽckbringt (ROI von 9.900 %) – ein vielzitiertes Versprechen, dessen Originalquelle sich hartnäckig der Nachverfolgung entzieht (Branchenjargon: „Zombie-Zitat"). 

Belastbarer: McKinsey & Company zeigt in einer Analyse von 300 Unternehmen, dass Design-Leader über fünf Jahre 32 Prozentpunkte höheres Umsatzwachstum erzielen als ihre Wettbewerber.

Symptome:

  • Hohe Absprungraten auf zentralen Seiten
  • Support-Anfragen zu Funktionen, die „eigentlich selbsterklärend" sein sollten
  • Conversion-Raten, die hinter Branchenbenchmarks zurĂĽckbleiben
Illustration einer Waage mit UX-Artefakten auf der einen und Business-Kennzahlen auf der anderen Seite

Die richtige Frage: Welche UX-Maßnahme löst welches Problem?

Statt „mehr" oder „weniger" UX braucht es gezielte UX. Ein strukturiertes Vorgehen hilft:

  1. Problem definieren
    Was genau funktioniert nicht? Konkrete Kennzahlen statt Vermutungen. Beispiel: „Absprungrate auf der Produktseite liegt bei 68 %, Branchenschnitt ist 42 %."
     
  2. Methode wählen
    Welche UX-Maßnahme adressiert dieses Problem direkt? Ein Expert Review deckt strukturelle Usability-Probleme schneller auf als ein vollständiger Research-Zyklus. Usability-Tests zeigen, wo Nutzer tatsächlich scheitern – nicht, wo wir vermuten, dass sie scheitern könnten.
     
  3. Erfolgskriterium festlegen
    Woran messen Sie, ob es funktioniert? Reduktion der Support-Tickets um X %? Steigerung der Formular-Completion-Rate? KĂĽrzere Time-to-Task?
     
  4. Iterieren statt perfektionieren
    Kleine, testbare Schritte liefern schneller verwertbare Erkenntnisse als Big-Bang-UX-Projekte.

Praxisbeispiel:
Ein Kunde kam mit einem konkreten Problem zu uns: hohe Absprungraten in einem mehrstufigen Konfigurator. Statt umfassender User Research starteten wir mit einem Expert Review nach etablierten Heuristiken. Ergebnis: Drei kritische Usability-Blocker identifiziert, in zwei Wochen behoben, Absprungrate um 23 % gesenkt – messbar, schnell, ohne Overhead.

Illustration eines Vorher-Nachher-Vergleichs: links chaotische Prozesse, rechts ein klar strukturierter UX-Ablauf

Fazit: UX ist kein Volumen-Problem

Es geht nicht darum, wie viel UX gemacht wird – sondern ob es das Richtige trifft. Entscheidend ist die Passung zwischen Problem, Methode und Ziel. UX-Maßnahmen sollten immer an Business-KPIs gekoppelt sein – sonst produzieren sie Dokumentation statt Wert.

Takeaways:

  • Nicht „mehr UX" oder „weniger UX", sondern gezielte UX
  • Jede UX-MaĂźnahme braucht ein messbares Erfolgskriterium
  • Kleine, iterative Schritte schlagen umfassende Research-Projekte ohne Umsetzungsdruck

Wenn Sie unsicher sind, welche UX-Maßnahme bei Ihnen greift: Ein strukturierter UX-Audit schafft Klarheit – ohne unnötigen Overhead.

Illustration eines dreistufigen UX-Prozesses mit vernetzten Begriffen wie Entscheidungspunkte, Stakeholder und Feedback-Schleifen im Hintergrund

Quellen

  • Guerino et al. (2021): "UX Work in Software Start-ups: Challenges from the Current State of Practice", XP 2021 – Agile Processes in Software Engineering and Extreme Programming, Springer
  • Forrester Research (Quelle nicht eindeutig verifizierbar, vgl. „Zombie-Zitat" im Text)
  • McKinsey & Company (2018): "The Business Value of Design" – mckinsey.com/capabilities/tech-and-ai/our-insights/the-business-value-of-design
  • ISO 9241-11:2018: “Ergonomics of human-system interaction – Part 11: Usability: Definitions and concepts”
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