Zu viel UX oder zu wenig? Warum die Frage am Kern vorbeigeht
UX-Investitionen stehen in vielen B2B-Organisationen derzeit auf dem Prüfstand. Während die einen befürchten, in kostspielige „UX-Theaterstücke" abzurutschen, fragen andere, ob nicht doch zu wenig in Nutzungsqualität investiert wird. Beide Fragen sind verständlich – aber sie lenken vom Wesentlichen ab. Entscheidend ist nicht die Menge an UX-Aktivitäten, sondern welchen messbaren Geschäftswert sie stiften.
Wenn UX zum Selbstzweck wird
Agile Teams können sich in der Dokumentation verlieren: In einer Studie zu UX-Praktiken in Software-Start-ups (Guerino et al., XP 2021) zeigten sich erhebliche Lücken zwischen erstellten UX-Artefakten und deren tatsächlicher Nutzung im Entwicklungsprozess. Personas, die niemand aktualisiert. User Journeys, die in Schubladen verschwinden. Research-Phasen, die nicht in konkrete Design-Entscheidungen münden.
Das Problem ist nicht die Methode selbst, sondern fehlende Verknüpfung zu Geschäftszielen. UX-Deliverables ohne klaren Verwendungszweck binden Ressourcen, ohne Wert zu schaffen. Die ISO 9241-11:2018 definiert Usability als Effektivität, Effizienz und Zufriedenheit in einem spezifischen Nutzungskontext – nicht als Anzahl produzierter Dokumente.
Symptome:
Das Gegenteil ist ebenso riskant: Websites, die nach interner Logik strukturiert sind. Redesigns ohne Usability-Tests. Navigationssysteme, die nur fĂĽr Insider Sinn ergeben.
Die Kosten sind messbar – und die Rückflüsse auch. In der UX-Branche kursiert seit Jahren die Zahl, dass jeder investierte Dollar bis zu 100 USD zurückbringt (ROI von 9.900 %) – ein vielzitiertes Versprechen, dessen Originalquelle sich hartnäckig der Nachverfolgung entzieht (Branchenjargon: „Zombie-Zitat").
Belastbarer: McKinsey & Company zeigt in einer Analyse von 300 Unternehmen, dass Design-Leader über fünf Jahre 32 Prozentpunkte höheres Umsatzwachstum erzielen als ihre Wettbewerber.
Symptome:
Statt „mehr" oder „weniger" UX braucht es gezielte UX. Ein strukturiertes Vorgehen hilft:
Praxisbeispiel:
Ein Kunde kam mit einem konkreten Problem zu uns: hohe Absprungraten in einem mehrstufigen Konfigurator. Statt umfassender User Research starteten wir mit einem Expert Review nach etablierten Heuristiken. Ergebnis: Drei kritische Usability-Blocker identifiziert, in zwei Wochen behoben, Absprungrate um 23 % gesenkt – messbar, schnell, ohne Overhead.
Es geht nicht darum, wie viel UX gemacht wird – sondern ob es das Richtige trifft. Entscheidend ist die Passung zwischen Problem, Methode und Ziel. UX-Maßnahmen sollten immer an Business-KPIs gekoppelt sein – sonst produzieren sie Dokumentation statt Wert.
Takeaways:
Wenn Sie unsicher sind, welche UX-Maßnahme bei Ihnen greift: Ein strukturierter UX-Audit schafft Klarheit – ohne unnötigen Overhead.